Nationalsozialismus und Medizin

Im folgenden Text soll anhand der Geschichte von drei Personen dargestellt werden, wie der Nationalsozialismus sich auf die Medizin im Dritten Reich auswirkte, bis hin in unsere heutige Zeit…

Einleitung

Während Prof. Dr. med. Günther Enderlein 1916 in Berlin weilte, forschte er nach den Ursachen von Typhus. Hierbei entdeckte er äußerst winzige Lebewesen, welche er Spermite nannte, die sich schnell im Blut fortbewegen konnten. Er beobachtete, dass diese Lebewesen mit verschiedenen Arten von Mikroorganismen Verbindungen eingehen können und dann „blitzschnell“ unsichtbar werden. Er ging davon aus, dass diese Mikroorganismen durch die Spermite in eine andere Lebensform zerfielen.
Die Dunkelfeldmikroskopie half ihm, den Aufbau dieser Mikroorganismen mittels eines Zyklus, der zahllose Variationen annehmen kann, im Blut zu entdecken. Solange ein Mensch gesund ist, leben diese Mikroorganismen innerhalb des Körpers in einer gegenseitig nützlichen Verbindung zusammen. Jede ernsthafte Veränderung oder Verschlechterung des körperlichen Milieus (pH-Wert des Blutes) beispielsweise aufgrund schlechter Ernährung, des Rauchens, von Alkoholkonsum, schädigender Chemikalien oder anderer Faktoren, könnte jedoch die sonst unschädlichen Mikroben dazu bringen, sich durch bestimmte zyklische Entwicklungsphasen in krankheitsauslösende Formen zu entwickeln. Diese Erkenntnisse fasste er in seinem Buch -Bakterien-Cyclogenie- zusammen, für das er internationale Anerkennungen erhielt.
Etwa zur gleichen Zeit gewannen die Werke eines anderen deutschen Biologen an Achtung. Dr. Wilhelm von Brehmer stellte eine Theorie über die Krebsentwicklung auf, die die Erkenntnisse Enderleins stark unterstützte. Schon 1933 bezeichnete Dr. von Brehmer den Krebs als eine Krankheit des ganzen Körpers, welche eng mit der genetischen Konstitution, den Essgewohnheiten und der Lebensweise eines Menschen zusammenhängt. In seinem 1947 erschienen Buch -Siphonospora polymorpha v. Br.- kennzeichnete er den Blutparasiten Siphonospora polymorpha als den kausalen Erreger im Krebsgeschehen. Nach Brehmer erzeugen Karzinogene nicht Krebs, sondern schaffen das Milieu für den Parasiten und damit für Krebs.
Durch die Machenschaften der NSDAP konnte die Arbeit Prof. Dr. Enderleins und Dr. v. Brehmers bis heute keine grosse Gefolgschaft unter der Ärztegemeinschaft gewinnen.

Aufstieg des Nationalsozialismus

Nach der Machtergreifung durch Hitler am 30.Jan. 1933 wurde jeder Aspekt deutschen Lebens, einschliesslich der medizinischen Tätigkeit und Forschung, von dem eisernen Griff der Nazis beeinflusst. Zusammen mit einer wohldokumentierten Maßnahme, welche den Juden die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannte, versuchte Hitler „gutes deutsches Blut zu schützen“, indem er das Gesetz zum Schutze deutschen Blutes und deutscher Ehre im September 1935 erliess. Gebilligt vom Nazi-Parteitag in Nürnberg, verbot das Gesetz Ehen zwischen Juden und „deutschen Staatsbürgern oder verwandten Blutes“ und begründete eine scharfe Kampagne gegen „die Degenerierten und Verseuchten“.
Die Nazi-Doktrin, welche eine reinblütige nationale Gemeinschaft verlangten, fanden bei vielen deutschen Ärzten offene Ohren. Bei einer kürzlich zufällig durchgeführten Musterung von 4000 Karteikarten von Mitgliedern der Ärztekammer wurde bekannt, dass zu Beginn der Hitlerherrschaft „ungefähr 50 Prozent aller männlichen Ärzte Mitglieder der Nazi-Partei waren“. Viele dieser deutschen Ärzte betrachteten den Nationalsozialismus als angewandte Biologie. Sie dienten als Werkzeug bei der Sterilisation von schätzungsweise 350000 deutschen Bürgern und bei der Euthanasie von 200000 geistig oder körperlich behinderten Erwachsenen und Kindern. Diese Ärzte führten auch „wissenschaftliche Experimente“ an vielen anderen Opfern aus, was zu lebenslangen körperlichen Entstellungen und seelischen Qualen, wenn nicht sogar zum Tode führte.
Weiterhin spielten die Ärzte , welche dem Parteikurs folgten, eine bedenkliche Rolle, indem sie die Karriere und manchmal das Leben der Kollegen zerstörten, mit denen sie politisch nicht übereinstimmten. Während der 12-jährigen Naziherrschaft wurden fast 10000 „nichtarische und kommunistische“ Ärzte, hier eingeschlossen die Ärzte, welche Juden, Sozialisten und Mitglieder der Oppositionspartei waren, gewaltsam aus ihren Praxen gedrängt oder umgebracht.
Selbst vor Hitlers Machtaufstieg führte Prof. Dr. G. Enderlein ständig einen mühsamen Kampf in der Vermittlung seiner Botschaft an das deutsche medizinische Establishment. Obwohl ihn die Nazis nicht offen verfolgten, wie sie dies mit seinen Forscherkollegen Dr. v. Brehmer und dem Deutschjuden Dr. Friedmann machten, so standen doch Prof. Dr. Enderleins Versuche, die biologischen Probleme zu lösen, zusammen mit seinem Glauben, dass die mit genetischen Schwächen belasteten Menschen nicht als biologisch minderwertig betrachtet werden sollten, im Widerspruch zu der vom Nationalsozialismus aufgestellten Doktrin der „Reinheit des deutschen Blutes“. Tatsächlich kamen einige der härtesten, gegen Dr. Enderleins Arbeit gerichteten Kritiken von Ärzten, die der Nazi-Partei angehörten.
Zum Beispiel bekämpften mehrere Forscher vom Robert Koch Institut (Dr. Clauberg, Dr. Gildemeister, Dr. Hübner) in Berlin unnachgiebig Enderleins Auffassungen. Enderlein war der Ansicht, dass die von diesen Männern gegen ihn gerichteten persönlichen Attacken und gegen seine beruflichen Bemühungen um die Lösung des Krebsproblems eine Verschwörermentalität widerspiegelten, die später auf ihre Aktionen während des Krieges übertragen wurde. Nachdem die Alliierten Deutschland 1945 besiegt hatten, beging Dr. Gildemeister Selbstmord, um den Konsequenzen für seine Taten während des Krieges zu entgehen, während Dr. Clauberg nach seiner Rückkehr aus russischer Kriegsgefangenschaft als POW verhaftet wurde. Er wurde zu Gefängnis verurteilt wegen der „Sterilisation von Hunderten von polnischen, russischen, tschechoslowakischen, italienischen und jüdischen Frauen, von denen viele durch die Operation starben, oder deren Leben – falls sie überlebten – ruiniert war.“

Dr. Enderlein schrieb treffend über seine Probleme mit der traditionellen Ärztegemeinschaft, indem er ausführte, dass „ich persönlich nie irgendeinen Dank (für meine Arbeit) erwartet habe, sondern dass ich mich in Zentraleuropa mit Verachtung, Spott, einem Mangel an Verständnis und mit Verfolgung abfinden musste. Daraus folgte, dass mein Lebenswerk mit einer ständigen Kette schwerer Opfer verbunden war, so dass selbst mein persönliches Unternehmen -das Berliner Institut für Akmosophie- durch die organisierten Angriffe des sogenannten „Gesundheitsamtes“ und des Robert Koch Institutes verloren ging. Durch diese Angriffe wurden einige meiner weiteren Ziele in der Bekämpfung von Krankheiten zerstört“.
Prof. Dr. Enderleins Freund und Vertrauter, Dr. Friedmann, sah sich einer noch explosiveren Opposition ausgesetzt. Mit seiner Entdeckung der Schildkrötenbazillusarznei im Jahre 1903 hatte der junge jüdische Arzt anscheinend einen Weg gefunden, die Tuberkulose zu behandeln und zu heilen, ohne dass die Patienten sich kostspieliger Operationen oder langen Aufenthalten in Krankenhäusern oder Sanatorien unterziehen mussten. Bis Oktober 1912 waren fast 1500 Menschen erfolgreich mit dem Utilin „S“-Impfstoff, der Heute von der Firma Sanum-Kehlbeck produziert wird, behandelt worden. Im Jahre 1913 nahm Dr. Friedmann eine Einladung des U.S. Senats an, über seine Entdeckung Vorträge zu halten. Ein 54 Seiten umfassendes Dokument über „Dr. Friedmann´s New Tretment for Tuberculosis“ wurde von dem U.S. Government Printing Office (amerikanische Regierungsdruckerei) in Washington veröffentlicht. Der ehemalige amerikanische Präsident Theodore Roosevelt schrieb Dr. Friedmann am 22. April 1913 auch die folgenden Worte: „Mit den aufrichtigsten guten Wünschen für Ihren anhaltenden Erfolg in Ihrer grossartigen Arbeit für die Menschheit“.
1922 hatte eine Kommission der Preußischen Nationalversammlung ihre Untersuchung abgeschlossen, indem sie das Medikament als „wertvoll im Kampf gegen die Tuberkulose“ bezeichnete. Kurz danach wurde Dr. Friedmann der Titel eines Professors an der Universität Berlin verliehen.
1933 begann das Hitler-Regime auf den jüdischen Arzt Druck auszuüben. Dr. Friedmann und sein Anti-Tb-Mittel wurden in der Nazi-Parteipublikation „Der Angriff“ sehr kritisiert. Der Reichsärzteführer Conti , strengte einen Prozess an, um Dr. Friedmanns Arztlizenz zu annullieren und ihm seinen Professorentitel wegzunehmen.
Ausserdem wurde die biologische Behandlung von den Nazi-Ärzten als direkter Wettbewerb zur Chemotherapie-Industrie angesehen. Die Leiter zahlreicher deutscher Tuberkulose-Sanatorien kritisierten die Utilin „S“-Behandlung auch scharf, da sie eine wirtschaftliche Bedrohung für ihre Kliniken darstellte. Da Geld und Prestige zugleich auf dem Spiel standen, stellten sich die orthodoxen Ärzte – von denen viele einflussreiche Positionen in politisch bedeutenden Organisationen und Beratungsausschüssen inne hatten – in einer Reihe auf, um Dr. Friedmann und seine Arbeit zu verurteilen. Unter einem solchen starken Druck floh Dr. Friedmann 1937 nach Monaco.
Einige Ärzte, die Dr. Friedmanns Medikament weiterhin anwandten, wurden streng bestraft. Zum Beispiel schrieb 1935 der Arzt Dr. Alexander von Seld ein Buch mit dem Titel „Dokumente über Friedmanns Kampf gegen die Tuberkulose“ Auch er erreichte „bemerkenswerte Ergebnisse“ gegen die Tb, indem er Friedmanns Arzneimittel einsetzte. Später wurde Dr. von Seld für seine Bemühungen „in Bezug auf das Friedmann-Produkt als geistig krank“ vom Ärzterat in Hamburg erklärt, der ihm auch seinen Titel und seine Zulassung zur ärztlichen Tätigkeit wegnahm. Diese Gruppe versuchte auch, von Seld in ein Irrenhaus zu stecken und seine zehnköpfige Familie gewaltsam zu sterilisieren.
Zusammen mit vielen anderen Forschern und praktischen Ärzten half Prof. Dr. Enderlein, die schützende und heilende Wirkung des Friedmannmittels gegenüber der Tb zu bewahren.

Selbst nach dem Fall des Dritten Reichs ging der Konflikt zwischen den Pronazi-Ärzten und der alternativen Gedankenschule mit dem Fanatismus eines „religiösen Krieges“ weiter.

Es war fast unglaublich, aber Ärzte, welche ursprünglich wegen Euthanasie oder dem Vergasen von Patienten zum Tode oder einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt worden waren, wurden während der 50er Jahre wieder freigelassen.

Der Einfluss, den diese Mediziner auf die Ärzteschaft der neuen Deutschen Bundesrepublik hatten, kann nicht unterschätzt werden. Laut einem 1986 in Deutschland veröffentlichten Buch „waren Ärzte, die in den Vergasungseinrichtungen gearbeitet hatten, wieder imstande bis 1985 die ärztliche Praxis weiter auszuüben und Professoren, die Opfer ausgesucht und Kinder ermordet hatten, bekamen die Erlaubnis, die folgenden Ärztegenerationen zu unterweisen“.
Insbesondere die Pharmaindustrie war an der Machtübernahme Hitlers massgeblich beteiligt.

Als grösster Sponsor unterstützte die IG Farben Hitlers Machtkampf. Viele chem. Kampfstoffe stellte die IG Farben während des Krieges her und nicht zuletzt das Zyklon B, mit dem in den Konzentrationslagern die Massenvernichtungen verrichtet wurde. Ferner fanden im Auftrag der IG Farben Pharmatests, beispielsweise die Erprobung neuer Impfstoffe, in Konzentrationslagern statt.

24 IG Farben Manager wurden in den Nürnberger Prozessen hierfür zum Tode verurteilt.

Die Alliierten zerlegten die IG Farben in die heutigen Firmen Höchst, Bayer und BASF.

Wie durch ein Wunder waren aber bereites 1951 alle wieder auf freiem Fuss und wieder in führenden Positionen.

Das IG Farben Aufsichtsratsmitglied Carl Wurster wurde so zum Vorstandsmitglied der BASF bis 1974.

Karl Winnacker, ehemaliges SA Mitglied und Vorstandsmitglied der IG Farben, leitete die Höchst AG bis 1978.

Kurt Hansen, Leiter der Zentralstelle für Rohstoffbeschaffung, leitete den Bayer-Konzern ebenfalls bis 1978.

Auch Dr. von Brehmer wurde unter dem Nazi-Regime verfolgt. Vor 1933 war von Brehmer ein Mitglied der Nationalen Biologischen Reichsanstalt und führte Forschungen über Viruserkrankungen durch. Als politischer Kämpfer unternahm er auch gerichtliche Schritte gegen Adolf Hitler und war ein ausgesprochener Kritiker des Naziführers. Als Ergebnis zog sich von Brehmer die persönliche Feindschaft „des Führers“ zu. Später akzeptierte er auch im Jahre 1935 lieber eine Beurlaubung von seiner Position als rangältestes Vorstandsmitglied bei der Reichsanstalt, als der Nazi-Partei als Staatsbeamter beizutreten. Während der Nazi-Herrschaft konnte v. Brehmer nur durch seine Verbindungen mit wirtschaftlich wichtigen Leuten (z.B.: Hugo Stinnes, Robert Bosch u.a.) innerhalb der Machtstruktur überleben. Nichtsdestotrotz, von Brehmers Arbeit war international anerkannt und er war der einzige Deutsche, der für den in Brüssel 1936 abgehaltenen Zweiten Internationalen Krebskongress eine Einladung erhielt, um Vorträge zu halten. Von Brehmer konnte jedoch nicht teilnehmen, da die Naziregierung seinen Reisepass entzog.

Durch die Machenschaften der Nazis, während und nach dem Krieg, erlangten die Arbeiten v. Brehmers sowie die seiner Kollegen nie die Anerkennung, die ihnen gebührte, weder zur Zeit der Naziherrschaft oder danach, da wichtige Positionen in der Medizin bis in die 70er Jahre von ehemaligen Naziärzten besetzt waren.

Heute arbeiten ca. 2000 der ca. 340000 Menschen, die die Heilkunde in Deutschland ausüben dürfen (Ärzte und Heilpraktiker) nach den Gesichtspunkten von Prof. Dr. Günther Enderlein, bzw. Dr. Wilhelm von Brehmer und Dr. Friedmann, um viele Formen chronischer Leiden zu behandeln.

Lesen Sie hierzu bitte auch: Die Geschichte des „Geschäfts mit der Krankheit“